Habiba Msika


Habiba Msika, eigentlich Marguerite Msika, (arabisch حبيبة مسيكة; geboren 1903 in Tunis; gestorben 21. Februar 1930 ebenda) war eine tunesische Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin. Am 21. Februar 1930 wurde sie Opfer eines Femizids, als ein von ihr abgewiesener Mann einen Brandanschlag auf sie verübte.
Biographie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Marguerite Msika entstammte einer jüdischen Musikerfamilie; ihre Eltern waren Daïdou und Maïha Messika. Ihr Vater und ihr Onkel waren Musiker. Daïdou, der sowohl die Oud als auch die Mezwed beherrschte, musizierte 1903 in Tunis und 1904 in Berlin für den deutschen Wissenschaftler Paul Träger, was aufgezeichnet wurde.[1] Nach dem frühen Tod ihrer Eltern wuchs Msika bei ihrer Tante Leïla Sfez auf, die Sängerin war, eine der ersten Künstlerinnen des Landes, und 1910 für die Plattenfirma French Pathé Lieder aufnahm. Sie ermöglichte ihrer Nichte den Einstieg in die Musikbranche.[2]
Msikas Karriere begann als Hochzeitssängerin. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde sie als Sängerin zunehmend erfolgreich, auch international. Bei ihren Auftritten verband sie ausdrucksstark Gesang und Tanz.[3] 1921 trat sie erstmals in einem Theater in Tunis als Schauspielerin auf und nahm den Künstlernamen „Habiba“ („Liebste“) an. Sie spielte unter anderem in Othello die Desdemona, aber auch männliche Rollen wie den Romeo in Romeo und Julia (in arabischer Sprache), und sie wirkte in weiteren klassischen europäischen Dramen mit. Während eines Auftritts hüllte sie sich in eine tunesische Flagge und sang Parolen für die Unabhängigkeit Tunesiens von der französischen Kolonialherrschaft, weshalb sie von den französischen Behörden verhaftet wurde.[2] Mit einer Theatergruppe reiste Msika durch Europa und trat in mehreren europäischen Städten, darunter auch Berlin, auf; dort spielte sie in französischer Sprache.[2]
Neben der Schauspielerei war Msika weiterhin als Sängerin tätig: Zwischen 1924 und 1930 veröffentlichte sie fast 100 Schallplatten. Diese waren damals die meistverkauften Platten im Maghreb; Frankreich verbot ihre Alben, da sie „nationalistische Gefühle schürten“. 1928 reiste sie nach Berlin, um dort für das von der Familie Baida in Beirut gegründete Label Baidaphon Messika Aufnahmen zu machen.[4]
Habiba Msika führte ein selbstbestimmtes Leben und provozierte damit konservative Kreise.[3] Sie forderte hohe Honorare, Gagen und Tantiemen für ihre Aufnahmen – weit über dem, was männliche Sänger und Schauspieler verdienten – und war daher finanziell unabhängig.[5] Der Historiker Yaron Tsur: „Obwohl es Sängerinnen mit besserer Stimme und schönere Schauspielerinnen gab, lag das Geheimnis ihres Erfolgs in ihrer außergewöhnlichen charismatischen Persönlichkeit und ihrer Fähigkeit, eine herzliche Beziehung zum Publikum aufzubauen. Sie pflegte einen unkonventionellen Lebensstil und hatte Liebesbeziehungen mit vielen Männern, Juden, Muslimen und Christen gleichermaßen.“[2]
Eine Gruppe männlicher Verehrer nannte sich „Soldaten der Nacht“, die sich zur Aufgabe gestellt hatte, Msika zu beschützen, allerdings ohne Erfolg:[2] Am frühen Morgen des 20. Februar 1930 kehrte Msika nach einem Auftritt in ihre Wohnung zurück. Kurz darauf gelangte Eliaou Mimouni, ein 77-jähriger tunesischer Jude und wohlhabender Landbesitzer aus Testour, der sie jahrelang umworben und verfolgt hatte, in ihre Wohnung. Er übergoss sie und ihr Bett mit einer brennbaren Flüssigkeit und zündete diese an. Die schwerverletzte Msika war noch in der Lage, den Täter, den sie kannte, zu identifizieren. Zudem gab sie an, er habe sie festgehalten, während sie brannte.[2]
Mimouni floh vom Tatort in ein Hotel, wo er festgenommen wurde, nachdem er versucht hatte, sich zu erhängen. Er starb am 15. März 1930.[6] Anlass für den Mord soll für ihn gewesen sein, dass Msika ihre Verlobung mit einem anderen Mann angekündigt hatte.[2]
Am 21. Februar 1930, einen Tag nach dem Anschlag, erlag Msika ihren Verletzungen. Ihre Beerdigung fand am 23. Februar 1930 in Tunis statt. Rund 5000 Menschen folgten der Trauerprozession über die Avenue de Londres zum Jüdischen Friedhof Borgel.[7] Eine Woche später wurde in den Kinos von Tunis ein Film der Beerdigung gezeigt. Tunesische und algerische Sängerinnen und Sänger nahmen Lieder der Trauer über ihren Mord auf. Der Film Habiba Msika – Dance of Fire von Salma Baccar aus dem Jahr 1994 stellte die letzten Lebensjahre von Habiba Msika dar.[8] „Habiba Msika gilt bis heute als Ikone der tunesischen Kulturgeschichte und als Symbol weiblicher Emanzipation und künstlerischer Freiheit“, schreibt das Munich Research Centre for Jewish-Arabic Cultures.[3]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Christopher Silver: Recording History. Jews, Muslims, and Music across Twentieth-Century North Africa. Stanford University Press, Stanford 2022, ISBN 978-1-5036-3168-7, S. 64.
- Margarida Machado: Habiba Messika: uma biografia (im)possível. Faculdade de Letras da Universidade do Porto, 2006.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Laura Elkeslassy: Ala Srir Ennoum : Habiba Msika. In: ayinpress.org. 4. April 2022 (englisch).
- Marking 120 years since the birth of the iconic singer, Habiba Msika. In: Point of No Return. 21. Januar 2025 (englisch).
- Frida Dahmani: Habiba Msika, la diva qui a conquis le cœur des Tunisois. In: Jeune Afrique. 14. Juli 2024 (französisch).
- Best of, Hbiba Msika (messika), Juive Tunisienne. In: okbob.net. éditions Baidaphone (französisch, arabisch, mit neun Liedern von Habiba Msika).
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Silver, Recording History, S. 56.
- ↑ a b c d e f g Habiba Msika, Tunisian Actress and Singer, is Murdered. In: Jewish Women’s Archive. Abgerufen am 19. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ a b c Habiba Msika (1903–1930): Die tragische Diva des nordafrikanischen Judentums, 1930er Jahre. In: Munich Research Centre. 25. September 2025, abgerufen am 19. Dezember 2025.
- ↑ A Pioneering North African Actress and Singer. In: worldjewishcongress.org. Abgerufen am 19. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Ushi Derman: The Jewish Tunisian Girl Who Became the Legendary Habiba Msika. In: Museum of the Jewish People. 15. Februar 2018, abgerufen am 19. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Silver, Recording History, S. 64.
- ↑ Chris Silver: The Life and Death of North Africa’s First Superstar. In: historytoday.com. 24. April 2018, abgerufen am 19. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Habiba Msika. Internet Movie Database, abgerufen am 22. Januar 2026.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Msika, Habiba |
| ALTERNATIVNAMEN | Msika, Marguerite (wirklicher Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | tunesische Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin |
| GEBURTSDATUM | 1903 |
| GEBURTSORT | Tunis |
| STERBEDATUM | 21. Februar 1930 |
| STERBEORT | Tunis |