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Mary Meigs Atwater

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Beispiel für eine handgewebte Textilie: American coverlet (1842). Metropolitan Museum of Art, New York City

Mary Atwater, geb. Mary Meigs (* 28. Februar 1878 in Rock Island, Illinois; † 5. September 1956 in Salt Lake City, Utah), war eine US-amerikanische Weberin, Autorin, Lehrerin und eine zentrale Figur der Wiederbelebung des Handwebens in den Vereinigten Staaten im frühen 20. Jahrhundert.[1] Sie war außerdem eine der ersten Praktikerinnen der Ergotherapie (Occupational Therapy) in den USA.[2]

Frühe Ausbildung und Interessen

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Dorothy Posten: Woven Coverlet (ca. 1936). National Gallery of Art, Washington D. C.

Bevor Atwater mit dem Weben begann, war sie ausgebildete Künstlerin und Designerin. Sie verfügte über ausgeprägte Fähigkeiten im technischen Zeichnen und zeigte großes Interesse an mathematischen Fragestellungen. Bereits in ihrer Jugend schrieb sie sowohl technische Artikel als auch Kurzgeschichten. Sie beherrschte zahlreiche textile Handarbeitstechniken wie Stickerei, Stricken, Nähen und Flechten und besaß umfangreiche Kenntnisse über verschiedene Stoffarten, Materialien und deren Verwendung. Atwater lebte zeitweise als Kunststudentin in Paris und später mit ihrem Ehemann Max in Bolivien und Mexiko. Zudem war sie mit den Sammlungen bedeutender Kunst- und Textilmuseen in Boston, New York, Chicago und Philadelphia vertraut. All diese Erfahrungen prägten ihre spätere Forschungs- und Lehrtätigkeit im Bereich der Textilien.[2]

Beginn der Webtätigkeit und Gründung der Shuttle-Craft Guild

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Mit dem Weben begann Mary Atwater im Jahr 1916 in Basin, Montana, wo ihr Mann eine Mine betrieb. Während des Ersten Weltkriegs suchten die Frauen der Bergbausiedlung nach Möglichkeiten zur Beschäftigung und zum zusätzlichen Einkommen. Atwater griff die Idee einer Heimmanufaktur auf, inspiriert durch das Beispiel von Berea in Kentucky, und entschied sich für das Handweben. Zu dieser Zeit galt das Handweben in den USA – mit Ausnahme der Appalachenregion – als vergessenes Handwerk. Sie holte einen Lehrer von der US-Westküste nach Basin, der einfache Vier-Schaft-Überschlaggewebe beherrschte. Diese Kenntnisse bildeten die Grundlage für die Gründung der Shuttle-Craft Guild.[2]

Tätigkeit als Ergotherapeutin

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Im Jahr 1916 folgte Atwater einem Aufruf der US-Regierung, in dem handwerklich qualifizierte Personen zur Arbeit in Militärkrankenhäusern gesucht wurden. Damit beteiligte sie sich an den Anfängen der Ergotherapie in den Vereinigten Staaten. Sie arbeitete unter anderem in Fort Lewis sowie im Presidio in San Francisco. Bettlägerigen Patienten vermittelte sie Techniken wie Makramee, Brettchenweben, Flechten und andere textilhandwerkliche Tätigkeiten ohne Webstuhl. Gehfähige Patienten unterrichtete sie im Handweben an eigens für das Militär gefertigten Bodenwebstühlen mit zwei oder vier Schäften der Firma Reed Company, die diese unter der Bezeichnung „Weaver’s Friend“ herstellte. In dieser Zeit entwickelte Atwater grundlegende Vorstellungen über die Konstruktion und Funktion von Webstühlen, die später die Vielseitigkeit moderner Webgeräte beeinflussten. Außerdem veröffentlichte sie ihre erste Webpublikation mit dem Titel Shuttle-Craft Instructions for Egyptian Card Weaving, die für den Einsatz in Krankenhäusern bestimmt war.[2]

Selbstständige Lehr- und Publikationstätigkeit

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Nach dem Tod ihres Mannes Max im Jahr 1919 und ihrer Entlassung aus dem Militärdienst stand Atwater vor der Aufgabe, zwei Kinder ohne gesicherte finanzielle Grundlage zu versorgen. Ein formaler Berufsabschluss fehlte ihr. Aufgrund ihrer militärischen Erfahrung erhielt sie eine Anstellung als Ergotherapeutin bei mehreren Psychiatern in Seattle. Parallel dazu begann sie, intensiv zur Geschichte und Technik des Webens zu forschen, und veröffentlichte Artikel in landesweiten Zeitschriften. Im Kontext des allgemeinen Interesses an Handarbeit nach dem Ersten Weltkrieg stießen diese Veröffentlichungen auf große Resonanz. Die wachsende Zahl von Anfragen veranlasste Atwater schließlich im Jahr 1922, ihre Tätigkeit als Ergotherapeutin aufzugeben und stattdessen Webunterricht per Fernunterricht anzubieten. Sie entwickelte einen systematischen Lehrgang und gründete den monatlich erscheinenden Shuttle-Craft Bulletin.[2]

Forschungsarbeit in Cambridge und weitere Publikationen

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Detail einer Jacquard-Tagesdecke, hergestellt von der Familie Craig, Decatur County, Indiana. The Children’s Museum of Indianapolis

1923 zog die Familie nach Cambridge (Massachusetts), wo Atwaters Sohn Monty ein Studium aufnahm und umfangreiche Bibliotheks- und Museumsbestände für ihre Forschung zur Verfügung standen. Während dieser Zeit publizierte sie das John Landes Book of Patterns sowie das Shuttle-Craft Book of American Hand Weaving, das als Lehrbuch für ihren Fernkurs diente.

In den folgenden Jahren überarbeitete sie diesen Kurs, unterrichtete Privatschüler, verfasste Texte für Webstuhl- und Garnhersteller sowie für nationale Zeitschriften und gab weiterhin monatlich das Shuttle-Craft Bulletin heraus. Zudem hielt sie Vorträge und richtete in zwei Sommern Webwerkstätten für die Ergotherapieabteilungen der psychiatrischen Krankenhäuser des Staates New York ein. Parallel dazu begann sie mit der Zusammenstellung des Recipe Book of Patterns for Hand Weavers.[2][3]

Ruhestand und spätes Werk

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Mary Atwater blieb bis zu ihrem offiziellen Ruhestand im Jahr 1946 als Autorin, Herausgeberin und Lehrerin aktiv. In diesem Jahr übergab sie die Shuttle-Craft Guild, den Handwebkurs und das Bulletin an Harriet Tidball. Auch nach ihrem Rückzug setzte sie ihre fachliche Arbeit fort. Sie unterrichtete weiterhin Privatschüler, plante Webinstitute in den USA und Kanada, intensivierte ihre Forschungen – insbesondere zu Aufnahmetechniken (Pick-up Weaves) indigener Kulturen Nord- und Südamerikas – und bereitete eine Reise nach Guatemala zur Dokumentation der dortigen Webtraditionen vor.[2]

Nach ihrem Umzug nach Salt Lake City im Jahr 1948 vollendete sie das Buch Byways in Handweaving, das 1954 erschien. Darin behandelte sie Web- und Textiltechniken, die keinen großen Webstuhl erfordern, darunter Band- und Brettchenweben, Flechten, vielfach mit historischen und ethnologischen Bezügen. Anschließend arbeitete sie an einer überarbeiteten Ausgabe des Recipe Book of Patterns for Hand Weavers, das sie der Mary Meigs Atwater Weaver’s Guild übergab. Diese veröffentlichte das Werk nach ihrem Tod.[2]

  • Emmanuel Bénézit: Dictionary of artists. Band 1: A – Bedeschini. Paris, 2006.
  • Mary Meigs Atwater Recipe Book: Patterns for Handweavers, Wheelwright Press, 1999.

Einzelnachweise

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  1. The Dean of Handweaving: Mary Meigs Atwater. Abgerufen am 28. Dezember 2025 (englisch).
  2. a b c d e f g h Biography. Abgerufen am 27. Dezember 2025 (englisch).
  3. Recipe Book. Abgerufen am 27. Dezember 2025 (englisch).