In der ersten Hälfte der Winterferien haben wir eine Praxis für die eigentliche Eröffnung fertig eingerichtet. In der zweiten Hälfte der Winterferien waren wir in Berlin. Damit man nochmal rauskommt, bevor es richtig losgeht. Wir mieteten uns in Friedrichshain ein kleines hippes Hotelzimmer mit Frühstück für die ganze Familie. Wenn wir in Berlin sind versuchen wir uns immer an einem neuen Stadtteil, um das Flair dort möglichst direkt zu kosten. Die Unterschiede sind bislang kleiner, als man denkt. Was uns dieses Mal z.B. sofort auffällt: in Friedrichshain, aber auch im Rest von Berlin wird flächendeckend gegen die Räum- und Streupflicht auf Gehwegen verstoßen. Man stapft durch einen Mulm aus Schnee und Sand. Eventstapfen, so als wäre man in der Sahara und der Antarktis zugleich. So lustig das zunächst ist, weite Strecken sind auf diese Art und Weise zu Fuß in Familie nicht möglich. Einige Berliner haben sich sogar eine Art Schneeketten für Schuhe gekauft.
Der erste Abend führt uns so nur zur relativ nahen East-Side-Galerie bummelnd, wo wir Graffitae fotografieren und gucken, wie die anderen Touristen gucken und danach in ein Hot-Pot-Restaurant. Seit China-Town in London wissen wir, dass es immer ein gutes Zeichen ist, wenn ein asiatisches Restaurant voller asiatischer Kundschaft ist. So war es auch hier. So mit am meisten beneide ich Großstädter ja um ihre gastronomische Vielfalt und Qualität.
Zwei Augustiner aus dem Späti später sind wir alle im Bett.



Am nächsten Vormittag trennt sich die Familie. Der weibliche Teil will in Second-Hand-Läden shoppen und ich hatte einen Termin in Neukölln bei einem brasilianischen Tattookünstler. Das war nämlich eine Erfahrung, die ich in meinem Leben immer mal wieder machen wollte. Tätowiert werden. Erst fand ich aber kein Motiv bzw. war da immer picky bis zum Verwurf, dann war ich zu geizig oder wusste nicht, wie man gut zu einem Könner seiner Kunst kommt. Im vergangenen Jahr zündete die Idee im Bauhaus-Museum Dessau neu. Wie wäre es sich was komplett Abstraktes, vollgeladen mit Bedeutung, die nur ich dechiffrieren kann, tätowieren zu lassen, dachte ich dort so beim mir. Die Ideen dafür flossen nur so aus mir raus und so musste das nun endlich Tatsache werden. Meine leibliche Hülle ist im Verfall befindlich, ich habe das Geld. Es gibt nicht mehr viel Restzeit zur Reue.
Ich begann also eine umfassende Instagram-Recherche und fand in Berlin eine lettische Künstlerin, deren Stil dem Nahe kam, was ich mir so vorstellte. Der nette Austausch, den wir daraufhin hatten, führte aber irgendwie nicht zu einem Ergebnis, das ich mir auf der Haut vorstellen konnte, also brach ich das ab und sie behielt das Geld, das ich für den Entwurf bezahlen musste. Über ihr Profil fand ich allerdings einen anderen Künstler aus Brasilien und heraus, dass der ein Gastspiel in Berlin geben wollte. Also nahm ich dort Kontakt auf, schilderte meine Idee und er war gleich Feuer und Flamme, schließlich kam er auch nach Deutschland, weil er ein großer Bauhaus-Fan ist. Aus meiner ursprünglich eher spartanischen, puristischen Grundidee wurde ein dynamischer, sehr schöner, persönlicher und grafischer Entwurf und daraus ein Appointment für ebenjenen Freitag in den Winterferien.
Ich parkte extra zeitig etwas fern der Anschrift, um auch hier noch etwas Gegend zu Fuß mitzubekommen. Querte die „Sonnenallee“, kaufte mir ein paar Snacks und war dann da. Von Instagram wusste ich, dass das ein großer Laden mit vielen unterschiedlichen Künstlern war. Ich wurde von einem stark tätowiertem Empfangmenschen begrüßt und bald darauf von Thomaz abgeholt. Wir hatten ziemlich schnell eine Wellenlänge und trotz beiderseitig eher mittelgutem Englisch einiges zu reden. Das Studio selbst muss mal eine Art Werkstatt oder kleine Fabrik gewesen sein. Überall gab es kleine Nischen mit je ein bis drei Tattoo-Pritschen. Das Umfeld jeder dieser Liegen war von den Liegenbetreibern mit sehr schönen Bildern, Skateboards, Surfbrettern, Büchern und Kunstgegenständen aller Art dekoriert worden… in der Regel selbst be- oder gemalt. Das war ein bißchen, als ginge man durch eine kleine Indie-Galerie. Sehr interessant, denn es gab nicht nur Tattoo-Kunst zu sehen, wie man vielleicht vermuten würde. Von Thomaz erfuhr ich später, dass die meisten Tattoo-Künstler eher Künstler als Tätowierer sind, aber reine Kunst eben oft brotlos ist. Gemessen an meinen Eindrücken des Tages sind Tattoo-Künstler vor allem superliebe Menschen. In meiner direkten Nachbarschaft tätowierte eine Polin, die augenscheinlich ein Ernährungsproblem hatte und über sehr kunstvoll tätowierten, dünnen blassen Hals verfügte, ihre Klientin unheimlich mitfühlend mit einem fotorealistischen, in Herbstfarben gehaltenem Blumenbouquet. Es gingen im Laufe der Zeit viele Mitarbeiter an meiner Liege vorbei und hatten immer nur nette Worte für mich, meinen Tätowierer und dessen exakte Arbeit übrig. Das war schön. Es ist wohl was dran an der therapeutischen Wirkung von Tattoos.

Für mich war das ja nun die erste Tattoobegegnung überhaupt. Ich hatte mir die Schmerzen vorher unheimlich schlimm vorgestellt. Waren sie dann aber nicht. Waren nur Schmerzen. Mal war es, als wird man in Zeitlupe von einer Katze gekratzt, mal brannte es und manchmal war es wie eine sehr punktuelle „Brennnessel“, die man verabreicht bekommt. Das Ausmalen der farbigen Bereiche war eigentlich am unangenehmsten, was das betrifft. Andererseits liegt man da aber auch auf einer ziemlich unbequemen Pritsche fast sechs Stunden lang recht regungslos auf ein- und derselben Stelle. Das war sehr unangenehm und sorgte für schmerzende Druckstellen an der linken Körperseite, auch wenn es ab und zu Pausen gab. Bei zwei Pausen täuschte ich Harndrang vor, nur um auf dem Klo mal ordentlich pupsen zu können. Das waren die befreiensten Pupse der vergangenen Jahre, denn sie waren redlich über einen längeren Zeitraum angesammelt.
Wir redeten im Laufe der Stundne viel über Brasilien und Europa, lohnende Ziele in Deutschland, den Schnee, antike Philosophie und persönliches Leben, Thomaz beschwerte sich hin und wieder über meine empfindliche Haut, deren Anschwellen oft nicht gut erkennen ließ, ob seine Linien schon exakt genug waren. So wurde es dunkel und ich zum letzten Kunden für heute. Ich bewunderte das Werk im Spiegel und wusste gleich, dass ich dieses Tattoo immer mögen würde. Wegen seiner Entstehung und der Geschichte, die damit verknüpft ist, aber auch wegen dem Tattoo selbst. Der Optik. Ich mag Dinge, die stark interpretierbar sind. Weil Thomaz wegen meiner Haut Zeit dranhängen musste, gab ich ihm neben der Bezahlung noch ein Trinkgeld. Wir wollen in Kontakt bleiben und vielleicht kann er ja in ein oder zwei Jahren Symetrie auf meinem Körper herstellen. Bis dahin trage ich einseitig so eine Art mit meinem Leben aufgeladenen Kandinsky.
Am Tag darauf und nach einer schlecht durchschlafenen Nacht (zu viele Eindrücke, Liegeschmerzen vom Tag und Angst ums suppende Tattoo) reisten wir noch zum Alexanderplatz und besuchten als Familie eine Erlebnisausstellung namens „Ikono“. Das war doch recht unterhaltsam.
Der Schnee taute und Berlin lag im Nebel. Am Brandenburger Tor demonstrierten 20.000 Exiliraner gegen die Mulahs, weswegen wir dort nicht nochmal der Töchter zuliebe hielten, sondern gleich nach Hause durchfuhren.



Am Montag darauf eröffnete Maria ihre Praxis so richtig und hat seitdem viel Neues zu tun und zu lernen und zu machen. Das führte dazu, dass auch am Abend und am Wochenende unser großer Esstisch und dessen Umgebung zum Büro wurde.
Wichtige Unterlagen lagen auf der Anrichte und der Kücheninsel in direkter Nachbarschaft zu Essen und Flüssigkeiten. Es nervte, wenn man das Zeug schnell beiseite räumen musste, um den Tisch decken zu können.
Den Zustand fand ich auf Dauer unhaltbar und fasste den Plan, meinen Schreibtisch in der Diele zugunsten von Maria zu räumen und mir im Schlafzimmer eine kleine (Home-)Officeecke einzurichten. Den Plan hatte ich schon länger, denn in dieser Ecke ist, im Gegensatz zur Diele, ein echter Rückzug möglich.
Leider hat diese Ecke das Problem, dass sie sich in einem Haus aus dem 19.Jahrhundert mit leicht eingehangener Holzbalkendecke befindet. Schräge Böden, auch nur eicht schräge, führen aber zu Verspannungen im Nacken, wie ich feststellen musste, als ich hier ein paar Tage zur Probe saß.
Da mir zu einem kompletten Bodenausgleich Lust, Statik und Geld fehlte, baute ich stattdessen ein Podest aus OSB-Platte mit nivelierbaren Möbelfüßen drunter und einem Teppichrest aus dem Repomarkt bespannt obendrauf. Das ist nun meine 1,40×1,50m große Privatinsel im Haus, die immerhin dazu führte, dass dieser Text hier ohne externe Ablenkungen entstehen konnte.
Gleichzeitig brachte sie aber auch ein neues Problem ins Schlafzimmer. Die Anzahl leuchtender Status-LEDs im Schlafzimmer erreichte ein unerträgliches Maß. Monitor, Laptop-Ladegerät, Sonos-Lautsprecher, LAN-Switch nebst Netzteil, Festnetz-Mobilteil, Netzwerkfestplatte. Das alles leuchtete nun zusätzlich zur Fernseh-LED, die ich schon mit einem Stück GAFA-Band „gedimmt“ hatte. Zum Schlafen brauche ich nämlich absolute Ruhe und absolute Finsternis. Wie in einem Grab muss ich mich fühlen, um gut schlafen zu können.
Die Lösung dafür war aber einfach: alles, was nachts nicht leuchten darf, kam an eine Verteilerdose. So kann ich mit einem „Switch“ das Homeoffice ausschalten und den Familienvater einschalten.



